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Redebeitrag zum G8
Wir demonstrieren hier heute weil in wenigen Tagen der G8-Gipfel in Heiligendamm
stattfinden wird.
Wenn alle Weltverbesserer und Gutmenschen bei den Protesten Reformen und „deine
Stimme gegen die Armut“ fordern werden, wollen wir nicht tatenlos daneben stehen und
ihnen die Kritik am Bestehenden überlassen. Wir wollen unserer radikalen Kritik Gehör
verschaffen.
Diese Kritik richtet sich gegen den Kapitalismus als allumfassendes gesellschaftliches
System, auf dessen Grundlage nur Ausgrenzung, Unterdrückung und Ausbeutung
entstehen kann. Die G8-Staaten sind jedoch nur ein Symptom davon, aber nicht das
Problem. Das Problem ist der Kapitalismus, und so allumfassend und alltäglich er ist,
muss auch die Kritik daran sein. Ob diese nun in Rostock, am nächsten Wochenende in
deiner Stadt oder am Supermarkt um die Ecke artikuliert wird, ist dabei total egal.
Der G8-Gipfel ist sicher eine Gelegenheit, gesellschaftliche Konflikte auf die Strasse zu
bringen und sichtbar zu machen. Aber die Kritik am Ganzen kann und muss auch zu
jedem anderen Zeitpunkt stattfinden. Und genauso wenig wie die Kritik auf große
internationale Treffen beschränkt sein darf, muss sie auch sonst über Demo-Rituale und
Lesekreise hinausgehen.
Wir wissen, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt. Und das auch jede noch so
Subversive und vermeintlich antikapitalistische Praxis stets ein Teil des Schweinesystems
bleibt. Doch sollte uns das nicht davon abhalten, unsere Kritik an den Verhältnissen auch
im alltäglichen Leben zu artikulieren und zu praktizieren. Eben bei dieser ganzen Scheisse
nicht mitmachen, auf die wir eigentlich keinen Bock haben.
Menschen definieren sich über ihre Arbeit. Unser Tun verwandelt sich in entfremdete
Arbeit. Dieser Zustand ist zu beenden!
Die Tätigkeit eines Menschen muss sich nach seinen Bedürfnissen und Wünschen,
ausrichten und nicht nach seiner Profitabilität. Aus diesem Grund kann es auch nicht
darum gehen einen „besseren Kapitalismus“ zu fordern, sondern ihn völlig abzulehnen und
seine Ideologie zu bekämpfen.
Denn so schlecht es auch aussehen mag, die vermeintliche Natürlichkeit des Kapitalismus
ist eine gedankliche Täuschung. Wenn der Kapitalismus vom Menschen geschaffen wird
kann er vom Menschen auch wieder überwunden werden. Dafür müssen wir aber das
Denken überwinden, das dahinter steht.
Die Staatschefs der G8 mögen eine wichtige Rolle im Spiel um das größere Stück vom
Kuchen haben. Aber sie sind, wie wir alle, nur ein Teil des Systems. Und wir alle
unterstützen und reproduzieren es jeden Tag aufs Neue, ob wir wollen oder nicht. Radikale
Kritik darf sich daher nicht auf Funktionsträger oder besonders große Arschlöcher im
globalen Wettstreit um Macht und Geld beschränken. Sie muss mit der Hegemonie des
kapitalistischen Denkens brechen, seine Werte und Normen bekämpfen und die
herrschende Ordnung als Ganzes ablehnen.
Wir haben keine Lust mehr auf die Lähmungen und auf die gedanklichen
Gleichschaltungen durch die kapitalistische und patriarchale Herrschaft. Wenn alle
utopischen Vorstellungen aufgebraucht und Alternativen nicht mehr denkbar sind, taucht
der Mensch in einen Sumpf voller Gleichgültigkeit und dumpfer Anpassung ein.
Wir müssen anfangen, ungehorsam zu sein und widerständig, eben einfach nicht alles
mitmachen.
Soweit es geht der Verwertungslogik entfliehen, wieder Sand im Getriebe sein.
Nur wenn viele ungehorsam sind, sich kollektiv und selbstverwaltet organisieren, sich der
kapitalistischen Arbeitsweise verweigern, können temporäre Freiräume entstehen.
Natürlich sind solche Projekte in einer kapitalistischen Welt widersprüchlich und begrenzt,
aber wie soll mensch ein fortschrittliches,freies Leben sonst ausprobieren und erschaffen
wenn nicht durch und mit diesen Nischen.
Nur durch die Verknüpfung vieler verschiedener Formen des Kampfes gegen die
kapitalistische Verwertungslogik und gegen den ganzen Rest wird mensch ein
emanzipiertes Leben aufbauen können.
Die Selbstbestimmung des Lebens – so begrenzt diese Forderung im Kapitalismus auch
sein mag – kann dabei nur durch die Ablehnung jeglicher Form von Herrschaft und
Autorität zustande kommen. Damit können wir hier und heute beginnen.
Wir sollten also Wege finden, unsere Negation auch im Alltag zu artikulieren und zu leben,
genauso wie wir es heute gemeinsam tun. Grundelement der Kritik muss dabei stets sein,
dass es weder einen guten Kapitalismus geben kann, noch eine freie Gesellschaft,
solange sie auf Nation, Volk und Patriarchat beruht.
Aus diesem Grund muss auch bei der alltäglichen politischen Praxis und Kämpfen für
soziale Rechte das Endziel immer heissen: Kapitalismus abschaffen! Mit weniger werden
wir uns nicht zufrieden geben.
In diesem Sinne: Wir hören mit der Scheisse erst auf, wenn die Scheisse aufhört…..
Uns geht’s ...ums Ganze!
Gruppe Gegenstrom Mai 2007
 

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